Dr. Rolf Lauter:

Ralph Ali Eckert – Fotografie? Inszenierte Fotografie? Hyper-sensuelle Fotografie?

Ralph Ali Eckerts Fotografien empfangen ihre gestalterischen und ästhetischen Momente teils aus der amerikanischen „Hardboiled Kriminalliteratur“ der 20er und 30er Jahre, teils aus der surrealistischen Motiv- und Symbolkombinatorik und dem „Film noir“ der 40er und 50er Jahre, daneben bilden sie eine Weiterführung der zum Bild inszenierten künstlerischen Fotografie von Jeff Wall oder der zum enigmatischen Verwirrspiel aufgeladenen Videos von Isaac Julien in Richtung auf eine „Hyper-sensuelle Fotografie“. Aus diesem Panorama inszenierter Bildwelten komponiert Eckert zutiefst emotional geladene, symbolisch verrätselte, an Filmstills erinnernde Szenarien einer „anderen“ Welt, die der sichtbaren Wirklichkeit als eine „zweite, maskenhafte und hyperreale Wirklichkeit“ gegenübergestellt wird.

Wir spüren einerseits die Nähe zum mit Pathos, Liebe und Erotik aufgeladenen Science Fiction Abenteuer „Alltag“, andererseits eine Verbindung zur Geschichte des selbstverliebten und seine Genialität auslebenden Serienkillers aus John Katzenbachs „Der Fotograf“, der mit den psychologischen Elementen der unterdrückten Gewalt und Libido, dem Unterbewussten, dem Irrationalen und dem Verschwiegenen arbeitet.

Ali Eckert fotografiert mit symbolischen Inhalten aufgeladene, inszenierte Bilder und szenische Dioramen, potenziert damit die Realitätsaussage zu einer Art „Hyper-sensuellen Realität“ die sich zwischen Elementen der sichtbaren Wirklichkeit und erdachten, unterbewussten und fiktiven Elementen einer „anderen“ Wirklichkeit ansiedeln. Nicht, dass nur die Grenzen unserer Wahrnehmung ins Wanken geraten, sondern es sind vor allem die vielen sinnlichen, erotischen, emotionalen Momente, die eine Beschreibung seiner Werke schwierig gestalten.

Wir tasten uns mit unserem Wahrnehmungssensorium behutsam in Eckerts Welten der Inszenierung, der Fiktion, des Theaters, der Phantasie vor. Angenehm angezogen von scheinbar schnell erklärbaren Bildern, verweigern sich diese bei einem zweiten Blick doch wieder einer raschen Interpretation, verwickeln unser Bewusstsein und Unterbewusstsein in einen ästhetischen Widerstreit aus einfachem Sachverhalt und einem Konglomerat aus verstiegenen Rätseln, Geschichten, choreographierten Inszenierungen. Fotografie kann eben mehr sein als Dokumentation, Reportage, Erinnerungsmoment, Erzählung oder zu Kunst transformierter Bildwelt: Bei Ali Eckert wird Fotografie zum symbolgeladenen Filmstill aus „Abenteuer Alltag“ und „kollektivem Psychogramm“.

Die in Eckerts Arbeiten dargestellten Orte, Szenen oder Handlungen erscheinen dem Betrachter von einem entfernten Standpunkt aus zunächst als szenische Aufnahmen, geben sich aber bei genauerer Betrachtung als konstruierte und äußerst differenziert komponierte Bilder zu erkennen. Menschen werden vom Eckert als ’Figuren’ in einen landschaftlichen, städtischen oder architektonisch-räumlichen Kontext einbezogen, so dass sie zu Akteuren seiner Erzählungen werden. ’Orte’ erhalten durch die Präsenz einer oder mehrerer Personen, ihrem oft maskenhaft mimischen bis grotesken Habitus und ihren alltäglichen oder außergewöhnlichen Handlungen in Verbindung mit inszenierten Kontexten sowie ausgewählten thematischen Aspekten aus der Welt des Privaten und Öffentlichen die Bedeutung von Bildern kollektiver Erinnerung, verdichteter Gegenwart und visionärer Zukunft.

Italo Calvino lässt den Protagonisten Antonino in seiner grandiosen Erzählung „The Adventure of a Photographer“ aus dem Jahr 1958, einer Geschichte über einen laienhaften Fotografen, der die Realitätsfrage der Fotografie skeptisch hinterfragt, zu folgendem Schluss kommen: „Having exhausted every possibility, at the moment when he was coming full circle Antonino realized that photographing photographs was the only course that he had left – or , rather, the true course he had obscurely been seeking all this time.“

Ali Eckert ist diesem verwirrenden Rätsel der Wirklichkeitshinterfragung durch Wirklichkeitsüberhöhung täglich auf der Spur.

Zürich, im September 2014

Dr. Rolf Lauter war Direktor der Kunsthalle Mannheim (2002-2007) und Curator/Managing Director bei SWISS ART INSTITUTION Karlsruhe (2009-2012). 2014 wurde er als “Internationaler Berater” für das  Artist Selection Committee of the Mongolia Pavilion at Venice Biennale 2015 berufen.